Spielmann

(komplette Kurzgeschichte)

Snap_2014.07-3Er sitzt jeden Tag an der gleichen Ecke und sieht ihnen dabei zu, wie sie vorüber hasten. Wenn er seine Gitarre spielt, dann ist es ihm egal, dass sie ihm nicht zuhören. Er spielt einfach und spielt und spielt und erst, wenn es kalt wird, nicht dunkel, niemals dunkel, aber kalt, dann hört er auf zu spielen und zählt die wenigen Münzen in seinem Koffer. Es werden nicht genug sein, denn es sind nie genug, aber sie werden reichen und darum wird er morgen zurückkommen und spielen und spielen, bis die Straßen leer sind, bis es zu kalt wird, bis seine Finger einfrieren.

Aber heute ist es nicht wie sonst. Ein wabernder grauer Nebelschleier liegt über allem. Er ist so dicht, dass er jedes Geräusch dämpft, dass er alles weit entfernt, geradezu unwirklich klingen lässt. Das Klappern von unzähligen Absätzen, von Füßen, die er in dem dichten Schleier kaum sehen kann, die durch den grauen Nebel zu ihm hinüber hallen, bringen ihn heute aus dem Rhythmus. Er schließt die Augen, um sich zu konzentrieren. Klack. Klickklack. Klack. Wie ein Chor unterschiedlich eingestellter Metronome schallt es in seinem Kopf. Seine Bemühungen sind vergeblich: Er bekommt sie nicht aus seinen Gedanken, also öffnet er die Augen wieder. Graue Nebelschleier wirbeln an ihm vorüber, nehmen Formen an und zerfallen wieder, wehen hierhin, wehen dahin und kommen nie zum Stillstand. Da bricht plötzlich eine schwarze Figur aus den dichten, perligen Schwaden dieser Welt der gedämpften Geräusche hervor. Ein paar Münzen fallen klimpernd in den geöffneten Gitarrenkasten; die Geräusche, die sie verursachen, scharf und schneidend in dieser in Watte gepackten Welt. Sofort verschlucken die Nebelschwaden den Fremden wieder. Zum ersten Mal heute hört der Musiker auf zu spielen, mitten im Lied. Mit klammen Fingern greift er nach den Münzen, um sie sich anzusehen.

Kupfergeld“, denkt er sich, „glauben sie wirklich, ich bin dankbar für Zwei-Cent-Stücke?“ Dann sieht er genauer hin. Es sind keine Zwei-Cent-Stücke. Die Münzen sind etwas größer, schwerer, haben eine Prägung, die er noch nie zuvor gesehen hat. Er hebt sie auf und steckt sie sich in die Hosentasche. Dann steht er auf und packt zusammen. Heute hat es keinen Zweck mehr, er ist nicht gut, er kann sich nicht konzentrieren. Es ist den ganzen Tag über schon so kalt, vielleicht liegt es daran. Seine Hände sind klamm und langsam, das Denken fällt ihm schwer. Aber er hat noch Hoffnung, vielleicht war der Tag nicht umsonst. Er bringt die seltsamen Münzen zu einem Antiquitätenhändler, nur ein wenig weiter die Straße hinunter.

Das Klingeln der Türglocke verliert sich im Nebel, als er den Laden betritt und fast sofort wieder hinausgeworfen wird. Er hält dem kleinen dicken Mann mit dem altmodischen Zwicker auf der Nase, der hinter der Theke steht, die Münzen hin und fragt nach ihrem Wert. Nein, erfährt er, die sind nichts wert. Naja, ein paar Euro könnte man dafür vielleicht bezahlen, sicher, aber nur aus übergroßer Herzensgüte, denn eigentlich sind sie wertlos, völlig wertlos und man sollte seine Zeit eigentlich gar nicht damit verschwenden, aber man will ja nicht so sein, also bitte, hier, ein paar Euro könne man entbehren, aber nun bitte man ihn, wieder zu gehen, gerade erst sei eine Lieferung antiker Bücher eingetroffen, die vom Staub befreit werden müssen und man habe nun also wirklich besseres zu tun.

Der Musiker nickt. Er steckt das Geld ein und geht.

Der Nebel aber scheint nicht mehr verschwinden zu wollen. Seit Tagen haftet er nun schon zwischen den Häusern und Bäumen und den Menschen und geht nicht mehr fort. Der Musiker krümmt und spreizt seine Finger, die mit jedem Tag klammer und steifer werden. Die Saiten geben ihre Töne unter seinen ungeschickten Berührungen nur widerwillig her. Die Melodie bleibt im Nebel hängen und fällt zu Boden und klappernde Absätze laufen eilig darüber hinweg. Immer weniger Münzen klingen in seinem Kasten, immer weniger und weniger, und am Ende der Woche stellt er ein Schild auf: „Gitarre zu verkaufen!“Er weiß nicht, was er sonst tun soll. Er wird sehen, wie es weitergeht. Der Preis, den er angibt, ist nur die Hälfte dessen, was sie einmal gekostet hat, damals, als er sie aus einer Laune heraus gekauft hat, als er noch Gitarren aus einer Laune heraus kaufen konnte. Für ihn ist sie seitdem nur wertvoller geworden, aber dennoch, es geht nicht anders. Natürlich will niemand die abgenutzte Gitarre haben, deren blauer Lack schon abgeblättert ist und deren Griffbrett vom vielen Spielen glatt geschliffen ist, spiegelglatt, wie man sie im Laden kaum bekommt. Und er spielt und spielt.

Seine Wangen sind mittlerweile eingefallen, seine Finger sind knochiger geworden, als der Fremde, der die unbekannten Münzen in den Koffer hat fallen lassen, wiederkommt. Er erkennt ihn sofort an den glänzenden Schuhen und den makellos sauberen Hosenbeinen. Dieses Mal bleibt der Fremde vor ihm stehen, lässt keine Münzen achtlos fallen, sondern hört ihm zu, hört ihm wirklich zu.

Du spielst gut“, sagt der Fremde, obwohl er wissen muss, dass das heute nicht stimmt, nicht bei dem dichten, feuchten Nebel. Er muss ihn schon früher gehört haben. Der Musiker erwidert nichts, er beendet das Stück. Erst dann sieht er auf, sieht dem Fremden ins Gesicht. Er erschrickt, als rotglühende Augen ihn durch die dichten Nebelschwaden anstarren. Der Fremde lächelt. „Du musst keine Angst haben“, sagt er und die roten Augen leuchten auf. „Ich bin nur ein Geschäftsmann. Ich kann dafür sorgen, dass sie alle dein Talent erkennen werden.“

Zu welchem Preis?“, fragt der Musiker.

Deine Seele.“

Die Worte hängen schwer in der Luft. Der Fremde lächelt. Der Musiker schaut in seinen leeren Kasten, tastet unbewusst nach seinem eingefallenen Magen. Er denkt gar nicht lange nach, er nickt. Der Fremde verschwindet, ganz plötzlich, und er nimmt den Nebel mit sich.

Der Musiker spielt weiter, spielt und spielt, und das Klappern der Schuhe wird langsamer, verstummt. Sie bleiben stehen, scharen sie sich um ihn und hören ihm zu. Sie lachen und klatschen und werfen Münzen und Scheine und schon bald werden daraus Visitenkarten und Plattenverträge.

Er spielt vor hunderten, vor tausenden, jeden Abend, spielt und spielt. Es wird niemals dunkel und es wird niemals kalt und jedes Mal muss jemand auf die Bühne steigen, um ihm zu sagen, dass es nun genug ist, dass er aufhören kann, zu spielen. Aber sie würden bleiben und ihm die ganze Nacht zuhören, wenn er nicht aufhörte. Manchmal gibt es Nebel auf der Bühne, aber er ist künstlich, trocken, er macht seine Finger nicht klamm. Manchmal glaubt er, ein Paar rotglühende Augen im Nebel zu erkennen und das Glänzen von frisch geputzten Schuhen und dann verrutscht vielleicht sein Finger oder er zittert ein wenig, aber er hört nicht auf zu spielen. Und die, die vor der Bühne stehen, merken nichts. Sie jubeln immer und die ganze Zeit und er hört sie, auch wenn er sie hinter dem Nebel oft nicht mehr sehen kann. Dann hört er nur das dumpfe Klatschen und das schrille Pfeifen und das arhythmische Klappern ihrer Absätze auf dem Boden.

Er spielt jetzt eine Gitarre, die extra für ihn angefertigt wurde. Sie soll aussehen, als habe er sie schon seit Jahren gespielt, denn man möchte den „Straßenmusiker-Flair“ beibehalten, hat man ihm gesagt, doch er kennt den Unterschied. Aus Paris lassen sie ihm fingerlose Handschuhe aus Seide kommen. Er hat früher nie fingerlose Handschuhe getragen. Er hat immer aufgehört zu spielen, bevor es zu kalt wurde. Nicht, dass ihm bei Kälte die hauchdünnen Handschuhe aus Paris etwas nutzen würden. Er spürt sie kaum, wenn er seine Finger über den lackierten Gitarrenhals fliegen lässt. Er vermisst die Gebrauchsspuren seiner alten Gitarre, die er deutlich fühlen konnte. Das etwas rauere Stück Holz hinter den hohen Bünden, die kleine Kuhle direkt unter dem Steg. Er hat sie immer bei sich, seine Gitarre, in ihrem Koffer, hat sie immer in seiner Nähe und lässt sie niemals von jemand anderem tragen. Sie nennen ihn deswegen exzentrisch, aber er wird jetzt nicht damit anfangen, sich um ihre Meinung zu kümmern. Immer, wenn er die glühenden roten Augen im Nebel gesehen hat, holt er sie mit zitternden Händen aus ihrem Koffer und streicht sanft darüber. Die Saiten sind schlaff und verstimmt, aber er spielt sie ohnehin nicht mehr. Trotzdem schlägt er jede Bitte, sie für einen wohltätigen Zweck zu spenden und jedes Angebot eines wohlhabenden Bewunderers, manchmal in Millionenhöhe, aus. Ihnen allen sagt er dasselbe: „Sie ist schon verkauft, Entschuldigung vielmals, aber Vertrag ist Vertrag.“

Man möchte wissen an wen das Instrument verkauft sei, für wie viel, möchte den unbekannten Käufer umstimmen, übervorteilen, aus dem Geschäft drängen, aber er schüttelt nur den Kopf und schmunzelt und schickt sie alle wieder fort mit ihrem Geld und ihren Gefallen und ihren aufreizend rot geschminkten Lippen. Und dann, wenn sie alle weg sind, spielt er vielleicht doch noch ein paar schiefe Töne, aber sie ist immer verstimmt und eigentlich will er sie auch nicht mehr stimmen, also legt er sie wieder fort und schließt sie weg und versucht, sie zu vergessen.

Wie die Kupfermünzen früher, prasseln nun die Gold- und Platinschallplatten auf ihn nieder. Mit Rotwein stoßen sie auf ihn an, die Manager und Produzenten und Geschäftsführer, und beglückwünschen ihn zu seinem Erfolg und dafür, dass er auf dem Boden geblieben ist, dass er noch immer so authentisch ist. Sie lieben dieses Wort, authentisch, sie sagen und hören es gerne. Er betrachtet die Straßenecke aus Pappe, die auf der Bühne steht, als er sie das nächste Mal betritt, und muss schmunzeln. Er möchte seine eigene Straßenecke am liebsten nie mehr wiedersehen.

Als er eines Nachts allein im Hotelzimmer ist, fängt es draußen an, zu schneien, in dicken weißen Flocken. Es ist kalt geworden, so kalt wie lange nicht mehr. Er dreht die Heizung auf, doch seine Finger fühlen sich trotzdem steif an. Hinter dem hauchdünnen Vorhang des edlen Hotelzimmers meint er plötzlich, ein rotes Glühen zu erkennen und dann tritt der Fremde dahinter hervor und lächelt. Er ist älter geworden, aber er trägt noch immer die gleichen, glänzenden Schuhe und den gleichen makellosen Anzug. Der Fremde sagt: „Es ist Zeit.“

Der Musiker nickt. Mittlerweile ist es im dichten Schneetreiben draußen finster geworden. Der Fremde reicht ihm die Hand und er nimmt sie und folgt ihm in die Dunkelheit.

Sein Verlust wird mit öffentlichen Tränen beklagt, mit großer Trauer bedacht. Wenn er sie sehen könnte, würde er den Kopf schütteln und darüber schmunzeln. Er würde darüber lachen, wie alle verzweifelt die alte, blaue Gitarre suchen und sich über den leeren Koffer wundern und sich die Haare raufen, weil sie nicht zu finden ist.

Aber er hatte es ihnen ja gesagt: „Sie ist bereits verkauft.“

Und nun ist sie von ihrem Käufer abgeholt worden.

 

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