Zombies und Tulpen

(Romanauszug)

Ich wachte auf, als laut und vernehmlich an die Tür unseres Wohnmobils geklopft wurde. Unwillig öffnete ich meine Augen einen Spalt breit, blinzelte aus dem Fenster, durch das grelle Sonnenstrahlen fielen, und dann auf mein Handy, um die Uhrzeit zu checken. 12:00. Gnarf. Wer wagte es, mich um diese unchristliche Stunde aus meinem wohlverdienten Schlaf zu reißen? Meine lieben Freunde schnarchten natürlich trotz des Lärms alle munter weiter. Bis auf Paige. Ihr Bett war leer. Wahrscheinlich war sie um sieben Uhr zum Joggen aufgebrochen und war dann noch im Wald verschwunden, um Kräuter zu sammeln, oder so etwas in der Richtung. Nicht, dass ich ihr dieses Vergnügen nicht gönnte; diese Art von Verhalten stieß bei mir nur leider auf völliges Unverständnis.

Das Klopfen wurde lauter und auch ungeduldiger und durchkreuzte so meinen Plan, das Gehämmere einfach zu ignorieren und weiterzuschlafen. Ich fing fast schon an zu fürchten, dass der ungebetene Gast draußen vor der Tür mit Gewalt einfallen würde, wenn man ihm nicht nachgab, also setzte ich mich knurrend auf. Als ich meinen Oberkörper in eine senkrechte Position bewegte, wurde mir mit einem Mal speiübel und auch ein wenig schwindelig. Vielleicht war das gestern doch eine Flasche Wein zuviel gewesen… Ich schüttelte mich kurz, dann fischte ich nach meiner Brille, die eigentlich auf dem Nachtisch liegen sollte. Aber da war sie nicht. Ich runzelte die Stirn. Wo zum Teufel hatte ich die gestern Abend bloß hinverfrachtet? Mit zusammengekniffenen Augen spähte ich durch den Raum, doch – Überraschung – ich konnte nicht viel erkennen. Also zuckte ich mit den Schultern, schwang gähnend meine Beine über den Bettrand und schlurfte mehr oder weniger blind zu unserer Vordertür. Schon nach nur drei Versuchen hatte ich die Klinke erwischt und die Tür schwang mit einem höflichen Quietschen auf. Davor stand unser Nachbar mit seiner Angetrauten im Schlepptau. Zumindest vermutete ich das. Die zwei verschwommenen Farbflecke, die ich erkennen konnte, ähnelten den beiden zumindest stark.

„Was gibt’s?“ brummte ich. Als Antwort erhielt ich ein Stöhnen. Ich runzelte die Stirn. Was sollte das denn? War das ein Scherz, den ich nicht verstand? „Wie bitte?“ hakte ich verwirrt nach.

„Aaaoourghhh!“ erwiderte Herr Nachbar nun. Langsam wurde ich wütend.

„Hören Sie!“ entgegnete ich gereizt. „Wenn Sie mich schon zu einer so unmenschlichen Uhrzeit aus dem Bett schmeißen, gehe ich davon aus, dass irgendetwas Wichtiges anliegt! Stattdessen stehen Sie hier nur rum und stöhnen mich an. Das finde ich nicht witzig!“ Als eine Antwort ausblieb, schnaubte ich und schlug unseren werten Nachbarn die Tür einfach wieder vor der Nase zu. Das schien sie allerdings wenig zu beeindrucken, denn das nervtötende Klopfen setzte sofort wieder ein und ging weiter wie bisher. Das konnte ja wohl nicht wahr sein! Ich mochte es schon nicht, wenn man mich verarschte, aber wenn ich dann noch unausgeschlafen und verkatert war, dann konnte derjenige, der das tatsächlich versucht, sowas von sein Testament verfassen! Ich holte tief Luft, um den Störern des Friedens meine Meinung zu geigen, riss die Tür auf und setzte gerade zu meiner Schimpftirade an, als ich Junes Stimme hinter mit vernahm.

„Ducken!“

Da meine ohnehin schon notdürftige Reaktionsfähigkeit durch meinen Schlafmangel und meine Übelkeit noch deutlich verringert wurde, tat ich natürlich nichts dergleichen, sondern drehte mich verwirrt um. Ich kniff die Augen zusammen und blinzelte den verschwommenen Fleck, der da vor mir stand, verwirrt an. June, die damit nicht gerechnet hatte, konnte ihren Baseballschläger gerade noch nach oben ablenken, bevor sie mich um ein Haar mit voller Wucht an der Schläfe getroffen hätte.

„Woah…“, murmelte ich erschrocken und wich einen Schritt zurück.

„Kind, du machst mich fertig“, erwiderte June gestresst, bevor sie mich umrundete und dem fülligen Familienoberhaupt, das inzwischen die Schwelle zu unserem Wohnmobil überschritten hatte, volle Möhre die Rübe wegbolzte. Eine elegante Drehung, dann ereilte die Ehefrau das gleiche Schicksal. Wenigstens hatte diese den Anstand, daraufhin die Treppe hinunterzurollen und plumpste nicht, wie ihr verblichener Gatte, ins Innere unseres Wohnmobils. Hastig knallte June die Tür zu und lehnte sich schwer atmend dagegen. Ich blinzelte verwirrt.

„Mich haben sie ja auch genervt“, gab ich mit einem Blick auf den korpulenten Körper zu meinen Füßen zu bedenken, „aber findest du deine Reaktion wirklich angemessen?“

Statt zu antworten reichte June mir meine Brille. „Hier, die hing in der Topfpflanze im Badezimmer. Gemeinsam mit ein paar Tulpenköpfen, entrollten Lakritzschnecken, meinen Ohrringen und Jakes Boxershorts…“, fügte sie in einem Tonfall hinzu, der für diesen pikanten Umstand eine Erklärung verlangte.

„Jake und ich wollten im Suff einen Weihnachtsbaum basteln“, murmelte ich zu meiner Verteidigung, „Die Shorts waren frisch aus der Waschmaschine und wir hatten sie mit Hilfe von Lakritzschnüren zu einem Engel geformt, falls dir das entgangen ist. Wah!“ Inzwischen hatte ich mir meine Sehhilfe auf die Nase gesetzt und begutachtete die Sauerei, die June angerichtet hatte. „Der ist ja total matschig!“ stellte ich entsetzt fest, während ich die Leiche auf dem Boden vor mir vorsichtig mit dem großen Zeh anstupste.

„Außerdem hat er versucht, dich zu beißen“, erklärte June. „Ich bin von eurem Lärm aufgewacht, wollte nachsehen, was los ist und musste feststellen, dass du dich mit einem zähnefletschenden, sabbernden Etwas unterhältst.“

„Oh“, murmelte ich bedröppelt, „das hab ich nicht gesehen. Danke.“

„Blindes Huhn“, knurrte June. Da erklang ein spitzer Schrei aus unserem Vorgarten. Einen Moment später hörten wir hastige Schritte auf der Treppe, dann stürmte Paige ins Wohnmobil. Als sie den toten Mann zu unseren Füßen entdeckte, gab sie einen würgenden Laut von sich. Sie atmete tief durch, beruhigte sich und stemmte dann die Arme in die Hüften. Strafend blickte sie erst mich, dann June an.

„Da lässt man euch ein paar Stunden alleine und findet bei der Rückkehr eine Leiche im Vorgarten“, tadelte sie uns, „und eine hier drin! Was zum Teufel habt ihr angestellt?“

„Wir sind uns nicht ganz sicher…“, entgegnete June wahrheitsgemäß.

„Uaaargh“, stöhnte die Leiche vor mir plötzlich. Erschrocken fuhr ich zusammen.

„Der macht noch Geräusche!“ plärrte ich entsetzt. Rasch hob June ihren Baseballschläger und verpasste unserem nicht ganz toten Nachbarn noch einmal einen Hieb. Angewidert wandte ich mich ab.

„War das wirklich nötig?“ fragte ich, als die Geräuschkulisse die Interpretation zuließ, dass June fertig war. Paige starrte sie nur fassungslos an.

„Kleiner Tipp“, entgegnete June, während sie sich das Blut aus dem Gesicht wischte, „wenn ihr jemandem, der euch essen wollte, mit einem Baseballschläger das Hirn eingedellt habt und er danach immer noch lebt, könnt ihr davon ausgehen, dass der Kerl nicht ganz koscher ist. Also draufhaun, bis er nicht mehr zuckt.“ Synchron verzogen Paige und ich angewidert das Gesicht. Dummerweise lag June nicht ganz falsch: Irgendetwas ging hier nicht mit rechten Dingen zu.

„Irgendetwas geht hier nicht mit rechten Dingen zu“, schien Paige meine Gedanken zu lesen.

„Nun ja, wenn ich’s nicht besser wüsste, würd ich ja sagen-“ June unterbrach sich und schüttelte ungläubig den Kopf.

„Was?“, hakte ich nach. Sie biss sich auf die Unterlippe.
„Ich glaube, ich hole erst noch eine zweite Expertenmeinung ein“, murmelte sie.

„Was meinst du dam-?“, aber June war schon verschwunden, bevor Paige ihre Frage ausformuliert hatte. Stattdessen krabbelte Chuck Norris aus Paiges Ärmel, kletterte ihr Hosenbein hinunter und beschnüffelte die Leiche auf dem Fußboden äußerst interessiert.

„Komm her, Mr. Norris“, flötete Paige, „Leichen sind nichts für kleine dsungarische Zwerghamster. Hier, ich hab noch ein paar frische Tulpen für dich!“ Chuck Norris‘ Öhrchen zuckten aufgeregt, dann wuselte er wieder hinauf zu Paiges Schulter, wo er sich zusammenrollte und gnädig ein rotes Blütenblatt entgegennahm.

Da kam June zurück – mit Ed und Jake im Schlepptau.

„Moin“, grüßte ich die beiden, doch ich wurde glatt ignoriert. Offenbar war die Leiche auf unserem Fußboden sehr viel interessanter als ich; damit beschäftigten sich unsere beiden Herren der Schöpfung nämlich sogleich eingehend. „Wie hast du die beiden denn wachgekriegt?“ fragte ich erstaunt an June gewandt.

„Ich… ähm… Ich habe ihnen meine Theorie dargelegt und sie waren sofort Feuer und Flamme“, erwiderte sie ein wenig zögerlich.

„Deine Theorie vom Zombie ist im Grunde stichhaltig, June“, konstatierte Jake, der neben der Leiche kniete, plötzlich, „aber ich würde hier doch eher ein Guhl der Klasse drei vermuten.“

„Zombies?!“ quietschte ich.

„Guhle?!“ ergänzte Paige entsetzt.

„Beides falsch“, brummte Ed. „Wir haben hier ganz klar eine neo-tibetanische Abart des Wiedergängers.“ June blinzelte.

„Neo-tibetanisch? Mach dich nicht lächerlich, wie soll das denn hier möglich sein?“

„Naja, ein tibetanischer Nekromanten-Mönch könnte hier Urlaub gemacht und sich gelangweilt haben-“

„Es ist ein Guhl“, unterbrach Jake, „das sieht man doch ganz klar an den Zähnen.“

„Also, ich halte immer noch an meiner Zombie-Theorie fest“, beharrte June. „Ihr habt ihn nicht mehr im lebenden… äh… untoten Zustand gesehen, aber ich bin mir sicher, dass er es auf Willows Gehirn abgesehen hatte.“

“Mein was?!“, kreischte ich, „Das sagst du mir jetzt?“

Paige bewahrte erstaunliche Ruhe.

„Es ist also eine lebende Leiche, ja?“ versuchte sie das Fachchinesisch zusammenzufassen.

„Nein!“ kam es von allen drei Experten gleichzeitig.

„Eine lebende Leiche sieht ganz anders aus“, belehrte Jake

„Schau dir doch mal die Haare in seinen Ohren an!“ schüttelte Ed den Kopf. June hob beschwichtigend die Hände.

„Nennen wir ihn um des Friedens Willen mal ganz pragmatisch einen Untoten…“ Ed und Jake schnauften unwirsch, aber signalisierten dann ihr Einverständnis. „Schön“, fuhr June fort. „Also, wir haben hier einen nicht näher definierten Untoten im RV und ein weibliches Exemplar draußen. Diese Viecher haben den Hang, sich in Epidemien auszubreiten, das heißt, vermutlich laufen da draußen noch mehr von der Sorte herum.“

„Erinnert ihr euch an die Nachrichten gestern?“ warf ich ein. „Da hieß es doch, eine Epidemie habe sich schon über halb Amerika ausgebreitet…“

Wir sahen uns beklommen an. Nur Jake schien ein Grinsen nicht unterdrücken zu können.

„Was ist?“ fragte ich ungehalten.

„Zombies abknallen!“ brach es jubelnd aus ihm hervor, „Woohoo!“

Paige warf ihm daraufhin einen strengen Blick zu.

„Wir sollten erstmal versuchen, mit den Betroffenen zu sprechen“, gab sie zu bedenken. „Schließlich haben die auch Rechte. Gewalt ist nie eine Lösung.“

„Wenn die Viecher versuchen, mein Gehirn zu fressen, schon!“, echauffierte sich June. „Hör mal, Paige, die sind total angegammelt, die können gar nicht mehr denken. Die haben nur noch Hunger auf Menschenfleisch, sonst nichts.“ Paige schüttelte betrübt den Kopf.

„Videospiele und das Fernsehen vermitteln uns oft ein Bild von Subkulturen, das nicht der Realität entspricht“, hielt sie dagegen. „Ich werde nicht dabei zusehen, wie Menschen aufgrund von Medienpropaganda abgeschlachtet werden.“

Fassungslos starrte June sie an. „Bist du noch bei Trost?“, presste sie hervor. „Wir reden hier von Zombies!“

„Ich glaube ja immer noch an Guhle“, warf Jake ein, während Ed den Kopf schüttelt.

„Wiedergänger“, vertrat er auch weiterhin eisern seinen Standpunkt.

„Gibt es denn einen relevanten Unterschied zwischen diesen ganzen… Dingern?“, versuchte ich die Diskussion abzukürzen. „Oder läuft es über kurz oder lang darauf hinaus, dass wir von denen gefressen oder infiziert werden?“

„Nun, beim gemeinen Wiedergänger schon“, begann Ed. „Die neo-tibetanische Variante hingegen ist nicht weit verbreitet und daher kaum erforscht. Es gibt die Theorie, dass sich die Exemplare dieser Abart von verrottetem Gemüse ernähren und vor dem Verspeisen zunächst meditieren, weshalb sie natürlich sehr angreifbar sind. Das erklärt auch ihre geringe Anzahl.“

„Der Kerl hier hat so komisch gestöhnt, als ich ihm die Tür aufgemacht habe“, erinnerte ich mich. „Gilt das als Meditation?“

„Es ist kein neo-tibetanischer Wiedergänger!“ fuhr June dazwischen, „Und basta! Er hat nämlich eindeutig versucht, sich Willows Gehirn zu greifen und – entgegen der bösartigen kleinen Stimme in meinem Kopf, die gerade etwas anderes behauptet – handelt es sich dabei nicht um verrottendes Gemüse!“ Verwirrt kniff ich die Augen zusammen. War das jetzt eine Beleidigung gewesen oder nicht?

„Ähm, ich will ja nicht stören“, meldete Paige sich zu Wort, „aber da hinten kommt ein ganzer Haufen Leute angewankt. Und die sehen irgendwie nicht sehr lebendig aus…“ Trotz ihrer kleinen Rede über politische Korrektheit gerade eben schien Paige nun doch leise Zweifel an der Harmlosigkeit der Wesen zu hegen, die sie entdeckt hatte. Wir hasteten zum Fenster und blickten über unseren Pool hinweg in die Richtung, die Paige uns wies. Und tatsächlich, ein Grüppchen von vielleicht zehn Gestalten, die sich in einem ähnlichen Zustand zu befinden schienen wie Herr und Frau Nachbar, steuerte mehr oder weniger zielstrebig unser Wohnmobil an.

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